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»Mir erscheint die heutige Realität bereits surreal«

Wicki Somers im Gespräch mit
Birgit Gebhardt, Designjournalistin
und Beraterin im Trendbüro.


Irgendwo zwischen Poesie, Biotechnologie und Dekadenz liegt die Teekanne, die Wieki Somers als Designerin bekannt gemacht hat: Eine Teekanne in Form eines knochenblanken Tierschädels. Knochenporzellan wortwörtlich? Der „High Tea Pot" war Key-Visual für den Next-Nature-Bereich auf der ENTRYPARADISE-Ausstellung. Vor dem Hintergund der Bio- und Nanotechnologie verlor er seine Poesie und irritierte vielmehr als mögliches Sinnbild eines neuen Designs. Wir befragten Wieki Somers zu ihrer Interpretation.


Als ich das erste Mal deine ‚Deliously Decadent!'-Teekanne in Tierschädelknochenform sah, musste ich sofort an Meret Oppenheimers Felltasse denken. Beiden Objekten haftet eine fremdartige Schönheit und etwas geheimnisvolles Dunkles an. Was war dein Impuls, eine Schädelknochen-Teekanne zu gestalten?

Mit dem Projekt ‚Deliously Decadent!', folgte ich einer Einladung des National Ceramic Museum Princesshof in Leeuwarden. Ich wollte die Bedeutung von ‚dekadent' untersuchen. Es erscheint mir als ein Zustand, in dem Geschmack und Geschmacklosigkeit, Vollkommenheit und Beschädigung nicht mehr als konträr empfunden oder überhaupt wahrgenommen werden. Inspiriert haben mich Rezepte der Römer und die Barockmalerei von Frans Snijders.

Die Ausstellung EntryParadise fragt in ihrem Bereich 'Next Nature': Was ist natürlich? Was ist künstlich? Und zeigt ein utopisches Wunderland im Zeichen der Bio- und Nanoterchnologie - beeindruckend und beängstigend zugleich. Vor diesem neuen technologischen Hintergrund könnte deine Schädelknochen-Kanne ihre Surrealität einbüssen und Beispiel eines neuen Designprozesses werden, wonach ‚China bone' im wortlichen Sinne direkt bei den Atomen und Genen beginnen könnte. Was wäre, wenn Surreales real werden würde? Würde der Teepott dann noch als 'Deliciously Decadent!' empfunden oder wäre er einfach ein weiteres Objekt im Alltagsdesign?

Mir erscheint die heutige Realität bereits surreal.

Wenn die Ausstellung wirklich meint, dass man künftig Schweineköpfe zu Teekannen züchten kann, dann leben wir bereits in einer Gesellschaft, die die 'Deliously Decadent'-Grenze längst überschritten hat. Dann leben wir die Gemälde von Hieronymus Bosch, wo die Menschlichkeit an ihrem eigenen Wahnsinn kaputt gegangen ist.

Genau deswegen vermissen wir ja das Involvement der Designer bei den Bio- und Nanotchnologien. Denn die Aufgabe, die es für die Designer zu meistern gäbe, ist soziale Verantwortung in diesen Fortschritt zu integrieren.

Ja, das stimmt.

Der Name ‚Deliciously Decadent' impliziert bereits Kritik. Ist das die gleiche ethische Kritik, die man hört, wenn öffentlich die Fortschritte im Bio- und Nanosektor diskutiert werden?

Der ‚High Tea Pot' war eigentlich eher ein ironisches Surrogat, das meine Untersuchungen zur Wahrnehmung von Dekadenz als Objekt bündelt.   Schlussendlich ist es ein Objekt geworden, das zum Nachdenken anregt und die Vorstellungskraft der Menschen provozieren soll.

Als wir für die Ausstellung nach ersten Objekten suchten, die im Sinne von bang design (einem Design, das bei Bits, Atomen, Neuronen und Genen startet), haben wir kaum Produktdesigner gefunden, die sich für diese neuen Technologien interessierten. Auch deine Teekanne, die wir als Key-Visual verwendeten, kommt im Grunde eher aus sozialen, ethischen oder kulturellen Überlegungen. Warum scheuen die Designer die Auseinandersetzung mit den neuen Technologien?

Ich glaube, wir stehen hier noch zu weit am Anfang.

Andererseits gibt es bereits einige Designer, die für die Industrie an solchen Projekten arbeiten., z.B. entwickelt Nike Sohlen, die sich selbst auflösen (soluble soles) oder Unilever hat eine Papierverpackung für Eiscreme entwickelt, mit der man beim Wegwurf eine neue Pflanze sät.

Mich als Designerin faszinieren eher die sozialen Aspekte, menschliche Gewohnheiten und ihr Lebensumfeld. Mein Zugang ist nicht wirklich 'bang', obwohl ich auch biologische Ästhetik auf Alltagsprodukte übertrage.

Wenn wir nun - wie es auf deiner Homepage richtig steht - in einer Welt des Überflusses leben, wie muss Design dann reagieren? Und was muss es Neues leisten, im Vergleich zum funktionalen Design der 1960er oder dem Emotionalen Design der 1980er?

Ich persönlich versuche, das versteckte Potenzial an Objekten zu entdecken, mit denen wir täglich leben. Deren innere Schönheit und Botschaft heraus zu arbeiten. Es ist wahr, wir leben in einer Wegwerfgüter-Gesellschaft. Brauchen wir die alle? Ich glaube heute kommt es auf Produkte an, die uns morgen noch interessieren, und die ihren Wert über die Zeit hinweg behalten. Wir brauchen keine Gadgets, sondern Produkte, die wir ein Leben lang schätzen.

Designer können vor diesem Hintergrund Objekte erschaffen, die das Bewusstsein der Menschen für das Wesentliche schärfen.



| Link Trendbüro: www.trendbuero.com




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